Alastair Fothergill "Unser Planet"-Macher im Interview: Wie Naturfilme entstehen und was sie bewegen

Ob "Planet Erde" oder die aktuelle Netflix-Produktion "Unser Planet" - Alastair Fothergill gelingt es, mit Naturfilmen ein Millionenpublikum zu begeistern. Im Interview verr?t der Regisseur, wie man Geparden im Sprint hautnah begleitet. Und warum auch Naturfilmer ein Drehbuch schreiben
Unser Planet

Atemberaubend: Für Unser Planet haben Naturfilmer Aufnahmen aus über 50 L?ndern zusammengetragen, sie folgten Wildtieren an Land, im Wasser und in der Luft. Dabei ist es manchmal nicht leicht die richtige Distanz zu wahren, sagt Produzent Alistair Fotergill. Der Buckelwal vor der Küste Südafrikas l?sst sich von einem l?ppischen Filmteam jedoch nicht von seiner Krill-Mahlzeit abhalten. Im Laufe eines Tages kann er über eine halbe Tonne der winzigen Krebse aus dem Wasser filtern

GEO.de: Herr Fothergill, welche Rolle spielen Sie im Kampf gegen den Klimawandel? Wie wichtig ist es, die verbleibende Sch?nheit unseres Planeten zu zeigen?

Alastair Fothergill: Einfach ausgedrückt: Warum sollten die Menschen sich um etwas scheren, dass sie nicht kennen? Für?Planet Erde?haben wir erstmals Schneeleoparden in der Wildnis gefilmt und kurz darauf startete der WWF eine Kampagne, um den Schutz der Tiere zu finanzieren. In einer immer st?rker urbanisierten Gesellschaft sind diese Filme oft der einzige Zugang zur Natur. Auf der anderen Seite fragen sich die Leute: Wie k?nnen wir den Planeten noch retten? Und eines ist glasklar: Unser gr??ter Verbündeter zur L?sung dieser dr?ngenden Probleme, die wir selbst geschaffen haben, ist die Biodiversit?t.

Die Vielfalt der Natur also. Warum gerade die?

Weil sie den effizientesten Weg liefert, Kohlenstoff in Ozeanen und W?ldern zu binden. Es ist bewiesen, dass der Indische Regenwald mit all seinen Tigern dafür zwei Mal so effektiv ist wie eine simple Plantage. Wenn wir noch irgendeine Chance haben, die Situation auf unserem Planeten wieder zu kippen, geht das nur, wenn wir ihn wieder verwildern.

Alastair Fothergill

Alastair Fothergill - der mit der Kamera die Wildnis erkl?rt

Noch w?hrend der Brite Zoologie in Durham studierte, drehte er seinen ersten Film On the Okavango in Botswana - bis heute einer seiner Lieblingspl?tze in der Natur, vor allem wegen des für diesen Teil Afrikas ungew?hlich klaren Wassers. Auf das Debüt folgten zahlreiche Filme und Serien?– eine Erfolgsgeschichte. Fothergill arbeitete für das Natural History Team der BBC, produzierte Meilensteine wie Unser blauer Planet, Deep Blue oder Planet Erde.?

Die Netflix-Serie Unser Planet wurde im April 2019 ver?ffentlicht. Fothergill und Keith Scholey leiteten die Aufnahmen, im Oritinalton kommt die Stimme aus dem Off von der heute 93-j?hrigen Sprecherlegende David Attenborough. In acht Teilen streift sie durch die verschiedensten Lebenswelten, die der Klimawandel in Gefahr bringt - die Reise führt von der Arktis durch die Ozeane bis in vertrockneten Wüsten und verschlungene W?lder.

Fothergill und Scholey haben diese Reise auch analog in einem 300 Seiten starken Bildband ver?ffentlicht. Wie die Website zur Serie soll er interessierten Zuschauern einen noch tieferen Einblick in die Ursachen der Gefahren liefern, denen Wildtiere auf der ganzen Welt heute ausgesetzt sind.?

Wie soll das konkret funktionieren?

Meereswissenschaftler haben folgende Prognose erarbeitet: W?ren nur 30 Prozent der Meere geschützte Gebiete, würden sie in ihr Gleichgewicht zurückfinden. Und das ist nur ein Beispiel. Ich glaube, es ist wichtig, auch solche positiven Botschaften zu vermitteln. Wenn du ihnen keine L?sungen lieferst, stecken die Leute den Kopf in den Sand und sagen: Na ja, wenn der Planet so besch?digt ist, kann ich ja nichts machen – au?er seine letzten Sch?nheiten zu genie?en.

Unser Planet

Vor einem Eisberg in der Gerlacher-Stra?e vor der Antarktischen Halbinsel fliegt ein Kapsturmvogel über die Wellen. Das schmelzende Eis an den Polen unserer Erde ist eines der st?rksten Bilder für Fothergill, um die Auswirkungen der Erderw?rmung deutlich zu machen

Aber ?ndert sich nicht genau das im Moment? Jeden Freitag demonstrieren tausende Schüler gegen klimasch?dliche Politik, bereits jetzt ist diese Generation dafür bekannt, klügere, punktuellere L?sungen für klimarelevante Probleme zu finden.

Das stimmt absolut und ist wunderbar – und zugleich sehr verst?ndlich. Erst heute habe ich mich mit David Attenborough darüber unterhalten, der ist 93 und sorgt sich schrecklich um den Klimawandel. Aber er wird nicht Davids Problem sein, sondern das meiner Kinder. Als ich vor knapp 30 Jahren in der Branche anfing, war dieses Problembewusstsein nicht vorhanden. Ich habe mich einmal selbst gefragt: Wann hast du denn wirklich vom Konzept der Erderw?rmung geh?rt? Das war Ende der neunziger Jahre. Erst in den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren hat sich die Krise herauskristallisiert. Dass dieser Gedanke von jungen Menschen angeführt wird, ist richtig so. In diesem Sinne muss die Krise auch als Chance verstanden werden. Die erneuerbaren Energien sind die Industrie, die im Moment in den USA am meisten Arbeitspl?tze schafft.? Wir müssen mit einer positiven Einstellung an die Sache rangehen. Ich setze gro?e Hoffnungen in die junge Generation, sie ist sehr reflektiert, was das angeht.

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Unser Planet

Um den Auswirkungen des Klimawandels n?her zu kommen, gehen Fothergills Filmteams auch unter die Wasseroberfl?che, denn hier sitzen die Motoren für gro?e Wetterereignisse. Im Pazifik schieben sich W?rmezonen hin und her, globale Wasser- und Windstr?mungen werden erzeugt und entfesseln gigantische Stürme. Die Sardellenbst?nde schwanken mit diesen Zyklen

Für die extremen Nahaufnahmen von Tiefseefischen oder Ameisenkolonien ist modernste Technik ebenso unentbehrlich wie für Szenen von Geparden, die Antilopen jagen. Abgesehen von den thematischen Verschiebungen: Haben technische Innovationen das Filmemachen in der Natur in 30 Jahren von Grund auf ver?ndert oder ist es immer noch das selbe Prinzip – nur mit anderen Ger?ten? ?

Es gibt verschiedene Arten von Naturfilmern. Manche stellen die Technik sehr in den Vordergrund, in ihren Filmen erkl?ren sie ihr Equipment. Ich pers?nlich will, dass die Kamera niemals zwischen den Zuschauern und dem Wildtier steht. Zur Wahrheit geh?rt aber auch: Willst du Menschen zum Beispiel Pflanzen n?herbringen, musst du sie im Zeitraffer filmen – nur wenn du siehst wie Pflanzen wachsen, kannst du ihr Naturell verstehen. Viele Tiere kann man nicht ohne beeindruckende Makroaufnahmen in Szene setzen. Da gibt es jedes Jahr neue technische Durchbrüche, die es uns erm?glichen, die Natur ganz anders zu zeigen.

Welche denn konkret?

Die gr??te Ver?nderung war die rasante Steigerung der technischen Qualit?t der Fotografie. Ich meine, ich habe mit 16-mm-Filmen angefangen, für Planet Erde nutzten wir High Definition. Jetzt sind wir bei einer Aufl?sung von 4K. Die Sch?rfe hat sich mit den Jahren vervielfacht. Der wirkliche Durchbruch aber war HDR, High Dynamic Range. Das bedeutet eine wahnsinnig hohe Pixelzahl, also eine gute Aufl?sung. Dynamic Range beschreibt das m?gliche Farbspektrum innerhalb jedes einzelnen Pixels. Das alles klingt nach langweiligem Technikkram, ich wei?. Aber es bedeutet, dass wir Bilder produzieren k?nnen, die viel reicher an unterschiedlichen Farben sind.

Und das ist wichtiger als neue Perspektiven durch Drohnen?

Nein, auch die sind elementar. Zum Beispiel unser Cineflex, ein riesiges System, das eine Linse mit langer Brennweite stabilisiert. Ist es an einen Helikopter montiert, so k?nnen wir wahnsinnig hoch fliegen und Tiere filmen, ohne sie zu st?ren: Wir folgen W?lfen, die Bisons jagen - das w?re von Land aus unm?glich, denn wir würden sie sofort verlieren.

Und wie verfolgen Sie Tiere auf Augenh?he?

Für Unser Planet haben wir Cineflex auf alle m?glichen Fahrzeuge geschraubt, auf Schneemobile zum Beispiel. Es ist unglaublich schwierig, einen Eisb?ren mit einem festen Stativ zu filmen. Die Inuit nennen die Tiere Wanderer, sie sind immer in Bewegung. Mit der langen Linse auf dem Schneemobil k?nnen wir ihnen folgen. Die Kamera ist weit weg, aber auf Augenh?he mit dem Eisb?ren, der Zuschauer nimmt seine Perspektive ein. Ich liebe diese Sequenzen, weil sie die Seele der Tiere einfangen. So haben wir auch jagende Geparden gefilmt. Der Zuschauer bewegt sich in den Fu?stapfen der Raubkatzen. Die meisten haben keine Ahnung von der Technik, die dahintersteckt – aber durch sie k?nnen sie besser verstehen, was die Wildtiere wirklich tun.

Unser Planet

Ganz nah und doch so fern: Um den Wildtieren m?glichst nah zu kommen, sie aber nicht zu st?ren und zu anderem Verhalten zu dr?ngen, nutzen die Filmteams gro?e Systeme, die Objektive mit extrem langer Brennweite stabilisieren. So k?nnen sie diesem Braunb?r in den W?ldern Sloweniens direkt in die Augen schauen, ohne dass dieser es merkt. Oder etwa doch?

Für Unser Planet?haben Sie und ihre Teams in den vergangenen Jahren in über fünfzig L?ndern gedreht. Im April ist die Serie auf Netflix erschienen – welche Momente der Arbeit sind haften geblieben?

Das sind natürlich die Sequenzen, die man selbst gedreht hat. Zum Beispiel, als ich Zeit mit den Eisb?ren im arktischen Svalbard verbringen durfte. Dort ver?ndert sich das Eis dramatisch schnell - und?man registriert diese sehr m?chtige Ver?nderung. Für die Serie wollten wir in die Tiefe der Probleme gehen, mit der unsere Natur k?mpft. Wir wollten sie nicht in den letzten fünf Minuten abhandeln, es sollte das Narrativ aller Episoden sein. Au?erdem wollten wir mehr sagen als nur: Der Planet ist in Gefahr. Wir haben versucht, für jeden Lebensraum, den wir beleuchten, zu erkl?ren, warum er in Gefahr ist. Deshalb haben auch die unfassbar schnell schmelzenden Gletscher in Gr?nland die Zuschauer am meisten bewegt, glaube ich.

Warum gerade die?

Das Klima wandelt sich – offensichtlich – seit Jahrzehnten. Aber an diesen Gletschern in Gr?nland kannst du dem Klima dabei zusehen, sie schmelzen schneller als alle anderen auf der Welt. Oder nehmen Sie die Szene mit den Walr?ssern in Russland. Wir zeigen, wie sich hunderte Tiere an Str?nden sammeln, wegen fehlender Eisfl?che klettern sie immer weiter die Klippen hoch und stürzen dort in den Tod – eine sehr wichtige Szene für uns. Wir wollten nicht pure Zerst?rung filmen, sondern den Wandel aus der Perspektive der Tiere wahrnehmen.

Unser Planet

Extreme Bilder zeigen extremes Klima: Ganz bewusst zeigen die Macher von Unser Planet die schwer ertr?glichen Szenen von pazifischen Walr?ssern, die sich - weil das Eis unter ihnen f?rmlich wegschmilzt - auf zu Tausenden auf einer Landzunge am Rande des Tschuktschensee dr?ngen. Sinnbildlicher k?nnte die Szene kaum sein: Weil zu wenig Platz auf den Klippen ist, stürzen viele Tiere in den Tod

Den Titel haben Sie sicher nicht zuf?llig gew?hlt: Warum Unser Planet und nicht Der Planet?

Das ist richtig, den haben wir sehr bewusst gew?hlt, weil das Wort Unser zwei Dinge impliziert: Eigentum und Verantwortlichkeit. Und ausdrückt: Es ist unser Planet und wir haben nur einen - also müssen wir für ihn sorgen.

Allerdings kommen in Ihren Filmen keine Aktivisten, keine Wissenschaftler, keine Politiker zu Wort. Ist es überhaupt m?glich, über den Klimawandel zu berichten, ohne den Menschen darin vorkommen zu lassen?

Klar, die Frage ist, ob man so die Wildnis nicht durch eine rosarote Brille zeigt. Eine sehr gute Frage, weshalb wir das Projekt auch mit einer Homepage begleiten. Dort finden Sie viele Menschen, die die Geschichte aus ihrer Perspektive erz?hlen, endlose Fakten und mehr. Aber es gibt auch die andere Seite: Für die Dschungel-Episode von Unser Planet haben wir eine Orang-Utan-Mutter gefilmt, die ihrem Baby das Leben zeigt. Orang-Utans haben nach Menschen die l?ngste Mutter-Kind-Bindung, zirka acht Jahre. Was mit dem Regenwald in Borneo passiert, erz?hlen wir am Schicksal der beiden.

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Unser Planet

Fothergill will den Zuschauer die Einzelschicksale von Wildtieren erz?hlen, um das gro?e Ganze deutlich zu machen. Das ist manchmal gar nicht so einfach - auch wenn sich dieser K?nigspinguin scheinbar gern in den Mittelpunkt stellt. Er dr?ngt sich mit 300 000 Artgenossen in der Saint-Andrews-Bucht auf der subantarktischen Insel Südgeorgien

Stehen solche Narrative bereits vor so einem Dreh fest oder gehen Sie in die Natur, ohne zu wissen, was sie filmen werden und die Erz?hlung ergibt sich im Nachhinein?

Für ein Projekt wie das unsere kannst du nicht irgendwo hinreisen und zehn, zw?lf nette Szenen drehen. Das erste, das du tun musst, ist dich für eine Erz?hlung zu entscheiden, die sich von Anfang bis Ende durchzieht. Da gibt es verschiedene Schritte. Wollen wir über die Zerst?rung des Regenwaldes reden, müssen wir uns fragen: Welches Tier filmen wir dafür am besten? Orang-Utans. Dann folgt Schritt zwei: Orang-Utans wurden schon etliche Male gefilmt, was ist die neue Erz?hlung in unseren Aufnahmen? Erst dann folgt die konkretere Auswahl. Viele meiner Regisseure schreiben sogar ein Skript. Das Problem ist, dass die Tiere das nicht lesen – also schreiben wir es st?ndig um. Manchmal machen Tiere auch Dinge, die du so nie erwartet h?ttest. Das sind die sch?nsten Momente - wenn du Dinge filmst, die selbst Forscher so noch nicht beobachtet haben.

Wie weit darf man gehen, um die Erz?hlung aufrecht zu erhalten? Ist es in Ordnung, an Tag eins einen Eisb?ren zu filmen, an Tag zwei einen anderen und am Ende werden beide zu einer Geschichte zusammengefügt?

Es gibt sehr simple Regeln: Die Zuschauer erwarten von uns, dass wir zu hundert Prozent ehrlich sind. Das Verhalten der Tiere, das wir zeigen, ist immer korrekt, wahr und in keinem Fall konstruiert oder falsch. Bei vielen Tieren ist es m?glich, sich an ein Individuum zu heften – mit der Orang-Utan-Mutter haben wir Monate verbracht. Willst du aber einen Tag im Leben einer Pinguinkolonie nacherz?hlen, ist es schwer einem Individuum zu folgen, da sind hunderte von denen. Einen Tag kannst du nacherz?hlen, indem du viele verschiedene begleitest und sie in dieselbe Erz?hlung schneidest - es ist wichtig, die Zuschauer in die Erz?hlung eines Charakters zu involvieren.

Unser Planet

Die Bilder in diesem Artikel stammen aus dem Bildband zur Netflix-Serie:?Das 300 Seiten starke Buch?"Unser Planet"?ist bei DuMont Reise erschienen und kostet 39,90 Euro.

Nach all diesen Jahren hinter der Kamera: K?nnen Sie die Natur überhaupt noch genie?en oder sitzt da?immer der Regisseur im Hinterkopf auf der Suche nach dem besten Bild? Wohin gehen sie ohne Filmteam? ?

Meine Liebe zur Natur hat sich nie ver?ndert und wird es auch nicht. Wenn wir irgendwo drehen, passiert die meiste Zeit nichts. Wir sitzen in einem Landrover, am Strand oder einfach irgendwo und warten. Wir haben sehr viel Zeit, die Natur zu genie?en, bis der B?r endlich aufwacht. Wir sitzen dort und beobachten – für mich ist das sehr besonders. Zuhause in Gro?britanien ist mein Lieblingsort die Küste im Osten: fantastische, wilde Klippen voller Leben. Im Sommer kommen die Zugv?gel aus Afrika zurück, ich liebe den unendlich weiten Himmel dort. Wenn ich an die Küste fahre, schaue ich immer erst, wann welche Gezeiten sind. Ich plane meinen Tag nach ihnen, weil sie bestimmen, wo ich hingehen und was ich sehen kann. Ich mag das, es l?st ein bestimmtes Gefühl in mir aus: Die Natur hat mehr Kontrolle über den Lauf der Dinge als ich es habe.

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