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Deutsche Geschichte Hambacher Fest: Eine Feier für die Freiheit

Nie zuvor hat es eine gr??ere politische Versammlung in Deutschland gegeben: Nach Jahren der Zensur und Unterdrückung str?men im Mai 1832 mehr als 20000 Menschen vor die Ruine des Hambacher Schlosses und fordern die deutsche Einheit
Hambacher Fest

Mit schwarz-rot-goldenen Fahnen zieht die Menge zum Hambacher Schloss. Auch polni-sche und franz?si-sche Farben sind zu sehen – Symbole des Freiheitskampfes anderer Nationen

Dass so viele kommen würden! Staunend blickt der Anwalt und Journalist Johann Georg August Wirth am Vormittag des 27. Mai 1832 auf die Menge vor der Hambacher Schlossruine. überall blitzen schwarz-rot-goldene Kokarden. Ganz vorn eine gro?e Fahne mit den Worten: ?Deutschlands Wiedergeburt“.

Seit acht Uhr str?men Menschen zur Schlossruine herauf: Kaufleute, Handwerker, ?rzte, Juristen, Studenten, aber auch Winzer, Kleinbauern, Gesellen sowie – und das ist neu – Frauen. Im Aufruf zu dem Fest hatten die Organisatoren ausdrücklich darauf hingewiesen, dass deren ?politische Miss-achtung in der europ?ischen Ordnung“ ein Fehler sei.

Gemeinsam mit dem Publizisten Philipp Jakob Sieben-pfeiffer hat Wirth auf Flugbl?ttern und in Zeitungen die Hauptforderungen der Reformwilli-gen formuliert: nationale Einheit in einem deutschen Verfassungsstaat, mit Presse-, Meinungs-, Versammlungs- und Handelsfreiheit, eingebunden in ein republikanisches Europa. Diese Ziele sollen heute ?ffentlich verkündet werden.

Sehnsucht nach Nationalstaat mit liberaler Verfassung w?chst

Mehr als 20000 Menschen stehen auf dem Schlossberg von Hambach bei Neustadt. Damit ist das ?Hambacher Fest“ die gr??te politische Versammlung, die es in Deutschland je gegeben hat. Es zeigt, dass sich die Sehnsucht nach einem Nationalstaat mit liberaler Verfassung immer weiter in der Bev?lkerung verbreitet – über das Bürgertum hinaus. Seit 1819 unterbinden die Herrscher jede kriti-sche Regung mit Zensur, ?chten die -Verbreitung auf-rüh-reri-schen Schriftguts. Daher weichen die Aktivisten in das gesellschaftliche Leben aus, treffen sich auf Festen, gründen Vereine.

1830 kommt es zu einer Wirtschaftskrise: Die Brotpreise steigen, die H?ndler leiden unter Z?llen zwischen den Einzelstaaten. Missernten verschlimmern Armut und Elend. Zur gleichen Zeit rütteln mehrere Ereignisse die unzufriedene Bev?lkerung und die liberalen Bürger auf: Im Juli vertreibt in Paris das Volk den selbstherrlichen K?nig Karl X. Und im Herbst führen Aufst?ndische in Brüssel die Belgier in die Unabh?ngigkeit. Wenige Wochen sp?ter erheben sich die Polen gegen ihre russischen Herrscher.

An vielen Orten in Deutschland sammeln national gesinnte Bürger Geld und Verbandszeug für die Rebellen im Osten. Als der Aufstand ein Jahr sp?ter scheitert und polnische Freiheitsk?mpfer auf dem Weg ins franz?sische Exil durch deutsche Gebiete ziehen, werden sie begeistert gefeiert.

Ermutigt vor allem durch das Pariser Vorbild, begehren ab 1830 in deutschen Staaten die Untertanen auf und setzen etwa in Braunschweig und Kurhessen Verfassungen durch.

Nicht überall unterdrücken die Herrschenden kritische Regungen. Im Südwesten wirkt das Erbe der napoleo-ni-schen Zeit nach, das den Menschen ein liberaleres Justizsystem zugesteht. So auch im ?Rheinkreis“, einem Territorium, das erst seit 1816 zum K?nigreich Bayern geh?rt. In dieser Region, in der auch der Weinort Neustadt liegt, dürfen sich die Menschen unter gewissen Bedingungen frei versammeln, k?nnen Zeitungen und eigene Schriften herausgeben.

Und so verbreiten hier viele Liberale ihren Protest gegen Willkür, soziales Elend, das Steuer- und Zollsystem. Auch Wirth zieht mit seinem Blatt ?Deutsche Tribüne“ hierher, greift in Artikeln die Zensur an. Er lernt Siebenpfeiffer kennen, der ebenfalls eine Zeitung herausbringt, die sich für einen deutschen Nationalstaat und eine Verfassung des ?Gesamt-vater-landes“ einsetzt.

Doch nach der Pariser Revolution von 1830 w?chst auch im Rheinkreis der Druck. Die Beh?rden versuchen, oppositionelle Journalisten einzuschüchtern, beschlagnahmen Zeitungen, versiegeln Druckpressen, verhaften Redakteure.

Daraufhin organisieren sich Ende Januar 1832 die bedr?ngten Publizisten, darunter Wirth und Siebenpfeiffer, gründen den ?Deutschen Vaterlandsverein zur Unterstützung der freien Presse“, bald ?Pre?- und Vaterlandsverein“ genannt.

Rasch w?chst der Bund auf mehr als 5000 Mitglieder an. Er unterstützt von der Obrigkeit drangsalierte Bl?tter, gibt -eigene Flugschriften heraus, veranstaltet Treffen, auf denen die Teilnehmer diskutieren und politische Reden bejubeln.

Mitte April buchen Mitglieder des im Monat zuvor bereits wieder verbotenen Vereins in der ?Neuen Speyerer Zeitung“ eine Anzeige, in der sie zu einem gro?en Volksfest am 27. Mai an der Ham-bacher Schlossruine aufrufen.

Doch der oberste Beamte des Rheinkreises verbietet die Veranstaltung. Erst als emp?rte Bürger ein Gutachten ver?ffentlichen mit dem Nachweis, dass das Verbot den Versammlungsrechten widerspricht, muss er die Feier zulassen.

Wirth und Siebenpfeiffer werden verhaftet und angeklagt

Gegen Mittag beginnt auf einer h?lzernen Bühne die Kund-ge-bung. Siebenpfeiffer ruft den Versammelten zu: ?Vaterland – Freiheit – ja! Ein freies deutsches Vaterland – dies ist der Sinn des heutigen Festes!“ Und Wirth beschw?rt die Festteilnehmer, die freie Presse zu unterstützen, da die ?Allmacht der ?ffentlichen Meinung“ Deutschland zu Freiheit und Frieden verhelfen werde.

Weiter hinten steht das Publikum in Gruppen zusammen und l?sst sich von Boten aus den ersten Reihen berichten, was vorn deklamiert wird. Am Abend ziehen die Menschen zurück nach Neustadt. ?Die ganze Nacht wurde geschossen, gefressen, gesoffen und jubiliert“, berichtet sp?ter ein Augenzeuge. Viele Teilnehmer nehmen an den langwierigen politischen Debatten der n?chsten Tage teil – das Fest endet erst am 1. Juni.

Einen gemeinsamen Schlussappell aber gibt es nicht. Auch die Frage, ob man tats?chlich einen Umsturz wagen oder langsam und demokratisch vorgehen solle, bleibt offen: Zu unsicher sind sich die Versammelten, ob sie im Namen aller Deutschen handeln dürfen.

Aber sie tragen ihre Begeisterung für Nation und Freiheit in die Regionen zurück. Schon begehren hungrige St?dter in Worms und Frankenthal auf und plündern Getreidemagazine. Zu einer breiten Revolte kommt es jedoch nicht.

Hambacher Fest bleibt nicht ohne Wirkung

Die bayerische Regierung reagiert: Bis zum 24. Juni 1832 rücken 8500 Mann in den Rheinkreis ein. -Wirth und Siebenpfeiffer werden verhaftet und zusammen mit mehreren Mitstreitern wegen ?versuchter Aufreizung zum Sturz der Staatsregierung“ angeklagt. Trotz sensationeller Freisprüche erreicht die bayerische Justiz kurz darauf Verurteilungen zu jeweils zwei Jahren Haft wegen Beamtenbeleidigung und ?hn-licher Vergehen. Siebenpfeiffer flieht nach dem Urteil in die Schweiz, Wirth sitzt seine Strafe in Kaiserslautern ab.

Auch der Bundestag in Frankfurt geht nun auf Druck Preu?ens und ?sterreichs entschieden gegen die liberale Bewegung vor: Die Zensur wird nochmals deutlich versch?rft, politische Versammlungen und Vereine verboten.

Das Fest von Hambach bleibt dennoch nicht ohne Wirkung. Es ist ein Fanal, ein Kristallisationspunkt und Verst?rker des weiter wachsenden Unmuts. Am 3. April 1833 k?nnen Soldaten in Frankfurt gerade noch verhindern, dass radikale Studenten Bundes-geb?ude besetzen und – so ihr Plan – die Republik ausrufen.

Noch schaffen es Richter, Gendarmen und Soldaten, das Aufbegehren der national gesinnten Reformer sowie des -unzufriedenen Volkes zu unterdrücken.

Bis zum M?rz 1848.

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