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W?hrungsreform 1948 Der Weg zum Wirtschaftswunder

Mit der W?hrungsreform vom Juni 1948 schaffen die Alliierten die entscheidende Voraussetzung für den ?konomischen Wiederaufstieg Westdeutschlands. Doch statt des erhofften Aufschwungs beginnt nach der Einführung des neuen Geldes zun?chst einmal eine schwere Wirtschaftskrise
Berliner Autosalon 1951

Fahrzeughersteller pr?sentieren auf dem Berliner Autosalon von 1951 ihre Wagen. Und beweisen die internationale Konkurrenzf?higkeit
der deutschen Industrie. Hier bewundert?Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard einen?dreir?drigen Goliath Rekordwagen

Das wohl wichtigste Gesetzeswerk der Bundesrepublik Deutschland entsteht, noch ehe dieser Staat überhaupt existiert. Kein Parlament entscheidet darüber. Und vorbereitet wird es wie eine geheime Kommandosache.

20. April 1948, Bad Homburg: Ein Bus der US Army h?lt vor der Villa Hansa, dem Sitz der ?Sonderstelle Geld und Kredit“, die zum Wirtschaftsrat der anglo-amerikanischen Bizone geh?rt. Hier beraten deutsche Experten über das zukünftige Geldwesen in Westdeutschland. Kompetenzen haben die Fachleute jedoch nicht; und über ihre weiteren Pl?ne haben die Amerikaner sie vollkommen im Unklaren gelassen. Ein Colonel teilt den deutschen ?konomen nun knapp mit, dass sie gleich für mehrere Wochen an einen anderen Ort gebracht würden, über den man aber noch nichts verraten k?nne; Abfahrt in wenigen Minuten. Dass die Amerikaner etwas mit ihnen vorhatten, haben die Deutschen gewusst, doch die kurze Frist überrascht viele. Wer keinen Koffer dabeihat, wirft Zahnbürste, Rasierzeug und Unterhosen zum Wechseln rasch in einen Waschmittelkarton.

Deutsche Mark - made in USA

Drei Stunden lang ist der Bus unterwegs; die Insassen k?nnen durch die Milchglasscheiben nicht erkennen, wohin es geht. Dann h?lt der Fahrer in einem mit Stacheldraht gesicherten US-Lager – einem früheren Fliegerhorst in der N?he von Kassel, wie die Deutschen sp?ter h?ren. Sie werden hier einquartiert, jeder Au?enkontakt ist verboten. Was sie dort genau zu tun haben, wird den Kasernierten erst drei Tage sp?ter mitgeteilt: Sie sollen in den kommenden sieben Wochen englische Texte, Frageb?gen und Formulare übersetzen sowie Formulierungshilfen bei Gesetzen, Verordnungen und Durchführungsbestimmungen geben – für die Einführung einer neuen W?hrung, der Deutschen Mark. Mehr erfahren sie nicht. Nur so viel: ?nderungen der in Washington, London und Paris beschlossenen W?hrungsreform seien nicht vorgesehen, hei?t es barsch.

Auch bei der Gestaltung der Banknoten dürfen die Deutschen nicht mitreden. Dass das Papiergeld im Nennwert von 10,4 Milliarden D-Mark bereits in den USA gedruckt worden ist und gerade nach Europa verschifft wird, wissen sie nicht einmal. 23 000 Holzkisten mit der Aufschrift ?Bird Dog“, dem Codenamen der Operation, sind unterwegs. Die Fracht ist zur T?uschung nach Barcelona deklariert; das wirkliche Ziel aber ist Bremerhaven.

Rationen diktieren den Alltag

Die geplante W?hrungsreform ist dringend notwendig. Mehr als 300 Milliarden alte Reichsmark sind noch im Umlauf, doch k?nnen sich die Deutschen für dieses Geld kaum noch etwas kaufen. Zwar werden die Preise für Grundnahrungsmittel von den Besatzungsbeh?rden festgelegt und bewusst niedrig gehalten; ein Kilogramm Brot etwa kostet 37 Pfennig (auf dem Schwarzmarkt allerdings fast das Hundertfache). Doch ohne Lebensmittelmarken sind Nahrungsmittel nicht legal zu erwerben.

Alle zwei Monate bekommen die Haushalte eine Karte mit mehr als 150 Abschnitten; jeder steht für eine bestimmte Menge Nahrung. Fett etwa ist in Portionen von fünf bis 25 Gramm notiert, Zucker zehngrammweise. Die Rationen werden von den alliierten Beh?rden je nach Bedürftigkeit zugemessen, Schwerarbeiter und Mütter sollen mehr erhalten, Kinder auch etwas Obst. Im Gesch?ft legt man dann die abgeschnittenen Marken vor und zahlt mit Geld.

Für ?Normalverbraucher“ (die keinen Anspruch auf Vergünstigungen haben) liegen die Rationen bei wenigen Gramm Fett und kaum mehr als einem Kanten Brot. Im M?rz 1948 haben sie in der Bizone Anspruch auf eine Zuteilung von 1298 Kilokalorien am Tag. Daher fahren viele Gro?st?dter aufs Land, um bei Bauern gegen Schmuck oder Teppiche eine Extraration Kartoffeln einzutauschen.

Aber auch die meisten anderen Güter sind rationiert – Textilien, Schuhe, Geschirr, sogar Kochl?ffel – und auf dem Schwarzmarkt entsprechend teuer: Damenstrümpfe kosten bis zu 180 Reichsmark, eine amerikanische Zigarette ist für etwa sechs RM zu haben.

Die Wertverh?ltnisse sind durcheinandergeraten.?Ein Bergmann im Ruhrgebiet verdient?mit den fünf Eiern, die seine Henne in?der Woche legt, fast dreimal so viel wie mit?seiner regul?ren Arbeit unter Tage. Und weil?immer wieder Gerüchte über eine W?hrungsumstellung laut werden, horten Hersteller?und H?ndler Waren, denn keiner will seine?Artikel gegen Reichsmark abgeben, die bald?vermutlich?nichts mehr wert sind.?Oder aber er verlangt horrende Preise:?2500 Reichsmark für eine Herrenhose zum?Beispiel.

18. Juni 1948: W?hrungsreform wird angekündigt

Am 18. Juni wird die W?hrungsreform – deren Ausführungsbestimmungen inzwischen von den Experten im Fliegerhorst übersetzt worden sind – der ?ffentlichkeit angekündigt. Bereits zwei Tage sp?ter, an einem Sonntag, tritt sie in Kraft. Jeder Bewohner der drei Westzonen erh?lt 40 D-Mark (zwei Monate sp?ter weitere 20), abzuholen in Ausgabestellen für Lebensmittelmarken. Und schon am Montag darauf sind überall wieder jene Waren erh?ltlich, die verschwunden waren: Kocht?pfe, Zahnbürsten, Bücher, vor allem aber Lebensmittel. Leisten k?nnen sich diese Waren allerdings l?ngst nicht alle. Denn gleichzeitig mit der W?hrungsreform hebt Ludwig Erhard die meisten Rationierungen und Preiskontrollen auf.

Der deutsche ?konom ist eine Art Wirtschaftsminister der Bizone, zu der die USund die britische Besatzungszone am 1. Januar 1947 zusammengelegt worden sind; an der W?hrungsreform nimmt aber auch die franz?sische Zone teil. Und da sich eine gro?e Nachfrage nach Konsumgütern aufgestaut hat, k?nnen die H?ndler H?chstpreise verlangen: Ein Ei kostet 35 Pfennig neuer W?hrung, ein Kilo Schweinefleisch sieben D-Mark – und ein VW-K?fer 5300 DM. Das ist für die meisten v?llig unerreichbar bei einem durchdurchschnittlichen Monatslohn von 250 DM.

Enteignung im gro?en Stil

Neben der Ausgabe des Grundbetrages pro Kopf ist die Reform aber vor allem ein radikaler W?hrungsschnitt – und das bedeutet: eine gewaltige Enteignung. Denn die Reichsmarkscheine?und s?mtliche private Sparguthaben in der alten W?hrung, die 5000 RM nicht überschreiten, werden in einem Verh?ltnis von 10:1 in neues Geld umgetauscht. Weil aber der Kopfbetrag auf die Umtauschsumme angerechnet wird, erhalten Kleinsparer in der Regel kaum etwas. So reduzieren sich 600 Reichsmark auf dem Sparbuch, die immerhin mehr als zwei Monatsl?hnen entsprechen, auf 60 D-Mark Guthaben. Das ist genau so viel wie der Kopfbetrag – und damit nichts.

Aus 144 Milliarden Reichsmark Bankguthaben von Privatleuten und Unternehmen werden so auf einen Schlag 6,3 Milliarden D-Mark. Nach der Hyperinflation von 1923 verlieren die Deutschen zum zweiten Mal den Gro?teil ihrer Geldverm?gen. Bei L?hnen und Renten gilt das Umstellungsverh?ltnis von 1:1, ebenso bei Mieten. Immobilienbesitzer geh?ren damit zu den Profiteuren der Reform (erst recht, wenn sie ihre Geb?ude kreditfinanziert hatten, denn auch die Schulden von Privatleuten und Firmen werden 10:1 herabgesetzt).?Sachverm?gen wie Grundstücke, Fabriken, Warenlager sind von dem W?hrungsschnitt nicht betroffen.

Die "Stunde Null" - ein Mythos

Daher ist die Vorstellung, der 20. Juni 1948 sei eine ?Stunde Null“ gewesen und jeder Deutsche habe mit 40 D-Mark anfangen müssen, nichts als ein Mythos. Ebenso wenig entspricht es der Wahrheit, dass die W?hrungsreform Ludwig Erhards Meisterstück ist. Der reklamiert sie zwar für sich, als er noch am Tag ihrer Umsetzung im Radio spricht und verkündet, der einzige Bezugsschein sei von nun an die D-Mark. In Wirklichkeit aber ist er ebenso wenig an deren konkreter Planung beteiligt gewesen wie irgendein anderer deutscher ?konom oder Politiker. Der eigentliche Vater der D-Mark ist ein junger Leutnant der US-Luftwaffe namens Edward A. Tenenbaum – der Koordinator der ?Operation Bird Dog“.

Bereits drei Tage sp?ter gibt es auch in der Sowjetischen Besatzungszone eine W?hrungsreform. ?hnlich wie im Westen erhalten die Menschen pro Kopf einen Grundbetrag des neuen Geldes – in der SBZ 70 ?Deutsche Mark der Deutschen Notenbank“. Das ist allerdings nicht wirklich neu: Auf die alten Reichsmark-Banknoten werden in der SBZ einfach nur farbige, briefmarkengro?e Kupons geklebt.

Mit der doppelten W?hrungsreform ist Deutschland ?konomisch nun de facto zweigeteilt. Damit ist die wirtschaftliche Neuordnung der politischen um gut elf Monate voraus. Denn im folgenden Jahr entstehen auf deutschem Boden zwei neue Staaten. Freilich sind es diesmal tats?chlich deutsche Politiker, die den Plan für die Gründung der Bundesrepublik entwerfen – auch wenn sie den Auftrag zur Schaffung einer Demokratie am 1. Juli 1948 von den Besatzungsm?chten erhalten (w?hrend in der SBZ die Kommunisten um Walter Ulbricht bei der?Gründung der DDR nichts als Handlanger des Sowjetdiktators Josef Stalin sind). Am 8. Mai 1949 verabschiedet der aus Abgeordneten der Westzonen zusammengesetzte Parlamentarische Rat das Grundgesetz für die Bundesrepublik – bewusst als Provisorium gedacht, um die Teilung des Landes nicht weiter zu verfestigen. Dennoch wird es zu einer stabilen Grundlage des neues Staates.

Ein ?hnlich dauerhafter Notbehelf ist die Kapitale des neuen Staates: die Provinzstadt Bonn – ausgesucht, weil sie kaum zerst?rt ist, vor allem aber, weil Konrad Adenauer es so will, der Pr?sident des Parlamentarischen Rates und erste Bundeskanzler.?Frankfurt am Main, als Sitz der Bizonen-Verwaltungen eigentlich der Favorit, ist dem Politiker zu unruhig, sozialdemokratisch und urban.

Konrad Adenauer - ein politischer Neuanfang?

Adenauer ist ein Politiker aus einem untergegangenen Zeitalter: Jahrgang 1876, ein Patriarch, katholisch und antikommunistisch, aber auch entschiedener Gegner des NS-Regimes. Ein brillanter Taktiker und sicherlich der begabteste Staatsmann Westdeutschlands.

Die Autorit?t Adenauers stützt sich allerdings auch auf Angeh?rige einer Elite, die schon im Nationalsozialismus der Macht sehr nahe standen. Die joviale Altv?terlichkeit des CDU-Politikers übertüncht, dass beispielsweise Hans Globke, sein engster politischer Vertrauter, einst ein hoher Beamter im Reichsinnenministerium gewesen ist. Hermann Josef Abs, Finanzberater und Freund des Kanzlers, m?chtigster Bankier der Bundesrepublik, war schon w?hrend des Krieges Vorstand der Deutschen Bank und Aufsichtsrat der IG Farben, die in Auschwitz ein eigenes Lager unterhielt. Adenauers Berater in Milit?rfragen schlie?lich wird Erich von Manstein, Generalfeldmarschall unter Hitler und von den Briten wegen Kriegsverbrechen zu 18 Jahren Gef?ngnis verurteilt (aufgrund eines Augenleidens aber vorzeitig entlassen). Insgesamt kommt es in diesen Jahren zu keiner entschlossenen und transparenten Auseinandersetzung der Deutschen mit den Verbrechen des NS-Regimes – und der Frage, wie schuldig sie selber geworden sind.

?Der Bundeskanzler der Alliierten!“

Auch gesellschaftlich steht die Bundesrepublik anfangs nicht gerade für einen Aufbruch. Sp?ter werden Kritiker von den ?bleiernen Jahren“ sprechen und vom ?Muff“ der Adenauer-Zeit, etwa wenn es um die verklemmte Sexualmoral geht, um die Intoleranz gegenüber der sich gerade in Ans?tzen entwickelnden?Jugendkultur oder um das Verh?ltnis zwischen Frau und Mann: Zwar postuliert Artikel 3 des Grundgesetzes die Gleichheit beider Geschlechter. Doch das Bürgerliche Gesetzbuch stellt wie zu Kaisers Zeiten klar, dass allein der Mann wichtige Entscheidungen über Ehe, Erziehung und Finanzen zu treffen hat, die Gattin etwa nur mit seiner Erlaubnis arbeiten gehen darf.

W?hrend der Mann als Haushaltsvorstand das Geld verdient, erzieht sie die Kinder im Sinne der herrschenden Moral. Und die ist rigide: Eine von den Kultusministern der L?nder autorisierte Selbstzensur der Filmwirtschaft entscheidet, was als staatsfeindlich oder jugendgef?hrdend zu gelten hat – etwa die sekundenkurze Nacktszene?der Schauspielerin Hildegard Knef in dem Film ?Die Sünderin“ (1950).

Kinoproduktionen und Schlager propagieren die Ideale von Heimat, Liebe, Treue – und sehr viel Autorit?tsh?rigkeit: F?rster, Gendarmen, Richter verk?rpern auf der Leinwand die gütige Obrigkeit, und selbst ein vermeintlicher Antikriegsfilm wie ?Des Teufels General“ von 1955 heroisiert einen hochdekorierten Wehrmachtsgeneral. Auch Konrad Adenauer setzt bei seinen Wahlk?mpfen auf die Autorit?t seines Amtes, etwa wenn er von Plakaten herab verkündet: ?Keine Experimente!“

Ludwig Erhard und Konrad Adennauer

Als erster Bundeskanzler sucht Konrad Adenauer (r.) eine enge Bindung der jungen Republik an den Westen. Ludwig Erhard, der erste Wirtschafts-minister der Bundesrepublik, ist der Wegbereiter der sozialen Marktwirtschaft

Au?enpolitisch ist Adenauers Blick hingegen alles andere als rückw?rtsgewandt. Vor allem ist er sich sicher, dass die Bundesrepublik durch Friedlichkeit, makellose Vertragstreue und Verl?sslichkeit das Vertrauen der Westm?chte gewinnen muss. Rasch. Denn er fürchtet, Washington, London und Paris k?nnten sich doch noch über die K?pfe der Deutschen hinweg mit Moskau auf eine Neutralit?t des besiegten Landes einigen, das dann wohl unter sowjetischen Einfluss geraten würde.

Nach wie vor stehen die Westdeutschen ja unter Kuratel der Besatzer. Die amerikanischen, britischen und franz?sischen Hochkommissare bleiben zust?ndig für milit?rische Fragen und Au?enpolitik, sie kontrollieren Gesetzgebung, Verwaltung, Wirtschaft, Au?enhandel. Und sie k?nnen alle der Bundesregierung überlassenen Kompetenzen wieder abschaffen. De facto ist Westdeutschland damit ein Protektorat. Erst 1955 wird die Bundesrepublik souver?n, verliert das Besatzungsstatut seine Gültigkeit (bis auf geringe Ausnahmen, die sich vor allem auf Berlin beziehen). Adenauer sucht die enge Bindung an den Westen – und wird dafür von seinen Gegnern?geschm?ht. Als er dem Bundestag seine Au?enpolitik erl?utert, h?hnt Oppositionsführer Kurt Schumacher von der SPD: ?Der Bundeskanzler der Alliierten!“

Machtspiele im Bundestag um die Schlüsselperson Ludwig Erhard

Schumacher, ein Invalide des Ersten Weltkriegs, dessen K?rper durch zehn Jahre Haft und Folter unter den Nationalsozialisten zerst?rt worden ist, tritt auf als Volkstribun mit schneidender Rhetorik. Nicht zuletzt der Widerwille der Menschen gegen seine Sch?rfe l?sst die CDU/CSU bei der ersten Bundestagswahl am 14. August 1949 mit 31 Prozent der Stimmen zur st?rksten Fraktion werden (die SPD erreicht 29 Prozent). Eine von vielen gewünschte Gro?e Koalition verhindert Adenauer aber, schmiedet stattdessen ein Bündnis mit der FDP und der rechtskonservativen Deutschen Partei. Dabei treibt ihn vor allem die Furcht, sonst Ludwig Erhard zu verlieren, den prominentesten Unionspolitiker, der die W?hrungsreform als seinen Erfolg reklamiert.

Erhard sieht in dem Gegensatz von sozialer Marktwirtschaft zu sozialistischer Planwirtschaft (wie die SPD sie propagiert) mehr als nur eine Frage der effizienten Organisa- tion der ?konomie – n?mlich die Entscheidung zwischen freiem Willen und Verantwortungsbewusstsein sowie ?Intoleranz, geistiger Unfreiheit, Tyrannei und Totalitarismus“, wie?er schreibt. Also zwischen Gut und B?se.

Wirtschaftswunder braucht eine Starthilfe

Dabei ist der Erfolg der sozialen Marktwirtschaft zu diesem Zeitpunkt noch h?chst fraglich. Westdeutschland steckt mitten in einer schweren Krise. Das Wirtschaftswunder braucht eine Starthilfe. Trotz der Milliardensch?den, der zerst?rten St?dte und Industrien, der Trümmer und Millionen Toten ist das ?konomische Potenzial Deutschlands in den Nachkriegsjahren zwar nach wie vor gro?. Denn schlie?lich sollten die alliierten Luftangriffe vor allem die Moral der Menschen in den Gro?st?dten brechen; und so sind siebenmal mehr Bomben auf Wohnviertel und Verkehrseinrichtungen gefallen als auf Industrieunternehmen. Wirtschaftshistoriker sch?tzen daher den Wert aller Produktionsanlagen in den Westzonen h?her ein als vor dem Krieg – das NS-Regime hat ja gewaltige Investitionen in die Rüstungsproduktion gelenkt. Zugleich schafft die Verwüstung der Innenst?dte starken Nachholbedarf: Sechs Millionen Wohnungen müssen neu gebaut werden.

Gesehen mit dem kalten Blick des ?konomen, hat noch eine weitere Katastrophe wirtschaftlich eher positive Folgen: die Vertreibung aus dem Osten. Mehr als sieben Millionen Erwerbsf?hige sind in den Westen geflohen – Menschen, die nicht mehr ausgebildet werden müssen. Und der Strom der Zuzügler rei?t nicht ab: Aus der DDR kommen in den 1950er Jahren gut 20 000 Ingenieure, 1000 Professoren sowie Hunderttausende Facharbeiter in die Bundesrepublik.

Arbeitslosenquote steigt rasant an

Und dennoch: Nach der W?hrungsreform taumeln die Westzonen zun?chst in eine Krise. Die Preise steigen rasch, w?hrend ein Gesetz Lohnerh?hungen zun?chst verbietet. Woraufhin die Gewerkschaften Millionen Arbeiter am 12. November 1948 zu einem 24-stündigen Generalstreik aufrufen – dem ersten und einzigen in Westdeutschland nach dem Krieg. Zugleich nimmt die Zahl der Arbeitslosen rasant zu. Die Betriebe haben nicht genug Kapital, um in Maschinen zu investieren. Auch fehlt es an Kohle, die die Alliierten als Reparationen für sich beanspruchen.

So kommt es zu einer massiven Entlassungswelle: Vor der W?hrungsreform mussten Unternehmen nicht besonders auf die Produktivit?t achten – mehr Arbeiter einzustellen hie?, mehr zu produzieren, die dabei steigenden Lohnkosten konnten in Zeiten der wertlosen Reichsmark vernachl?ssigt werden. Mit dem neuen, knappen Geld aber beginnen die Rationalisierungen. 1949 sind eine Million Menschen erwerbslos, im Februar 1950 schon doppelt so viele. Unter Vertriebenen erreicht die Arbeitslosenquote 40 Prozent. Wesentliche Teile der deutschen Industrie liegen brach.

Sogar die Amerikaner geraten in Panik.?Energisch verlangt John McCloy, der oberste?Repr?sentant der US-Milit?rverwaltung, von?Adenauer und Erhard eine ?bedeutende Modifizierung?der Marktwirtschaft“ – und meint?de facto deren zeitweilige Abschaffung. Die?Deutschen sollen zurückkehren zur staatlichen?Wirtschaftslenkung und zu strengen?Preis- und Devisenkontrollen. Es sei in diesen?bedrohlichen Zeiten nicht angebracht, wird?ihnen bedeutet, Luxusgüter herzustellen.

Zum Schein geht Ludwig Erhard auf die?Forderungen der USA auch tats?chlich ein,?kündigt ein gro?es staatliches Investitionsvorhaben?an, das allerdings in Wirklichkeit
kaum mehr ist als eine Zusammenfassung?schon bestehender Programme.?Nicht einmal die Hilfen aus dem amerikanischen??Marshallplan“, einem milliardenschweren?Unterstützungsprogramm für die?europ?ische Wirtschaft, bringen zun?chst ein?Ende der Krise. Denn nach Westdeutschland?flie?en weitaus weniger Mittel als etwa?nach Frankreich und Gro?britannien. Zudem?kommen sie zu sp?t, um einen Aufschwung?herbeizuführen.

Stellungskrieg sorgt für Exportboom

Und so ist es schlie?lich ausgerechnet ein Krieg, der die vom Krieg verheerte deutsche Wirtschaft belebt. Am 25. Juni 1950 überf?llt das kommunistische Nordkorea den mit den USA verbündeten Süden des Landes und nimmt fast die gesamte ostasiatische Halbinsel ein. Daraufhin entsendet die Uno eine internationale Streitmacht unter Führung der Amerikaner nach Korea, die weite Teile des Landes zurückerobert. Nun erh?lt Pj?ngjang Unterstützung von China; der Konflikt entwickelt sich zu einem brutalen Stellungskrieg.

Kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs müssen die USA ihre Volkswirtschaft erneut für einen Krieg mobilisieren; bis 1953 wird Washington 30 Milliarden Dollar für Rüstungsgüter ausgeben (in heutigen Preisen mehr als die zehnfache Summe). Die dafür eingesetzten Fabriken stehen nicht mehr für die Herstellung ziviler Waren zur Verfügung – und diese Lücke nutzen vor allem Unternehmen aus der Bundesrepublik, dem einzigen Land der westlichen Welt, das erhebliche freie Produktionskapazit?ten hat.?Daher beginnt im Frühjahr 1951 ein deutscher Exportboom; die Ausfuhren verdoppeln sich binnen Kurzem. Der au?enwirtschaftliche Wachstumsschub geht über in eine Hochkonjunktur, die fast ununterbrochen bis 1973 anhalten wird. In den 1950er Jahren w?chst die westdeutsche Wirtschaft um durchschnittlich 8,5 Prozent, weltweit ein nie zuvor registrierter Anstieg. Das Realeinkommen der Deutschen verdoppelt sich in dieser Dekade, die Arbeitslosenquote sinkt auf ein Prozent. Nach zwei verlorenen Kriegen mit Millionen Toten, Hyperinflation und W?hrungsschnitt, nach den Zerst?rungen des Luftkrieges, Vertreibung, Verlust der Ostgebiete und der Teilung des Landes muss das den Deutschen zu Recht wie ein Wunder erscheinen.

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