250. Geburtstag Wie Hegel zu Preu?ens K?nig der Gedanken wurde

Im 19. Jahrhundert w?chst Preu?en zur Geistesmacht heran - und wohl kein Gelehrter symbolisiert dies besser als der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel, der seinen Staat für den besten aller m?glichen h?lt
Hegel

Der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel

Es ist ein langer Trauerzug, der sich am 16. November 1831 durch die Berliner Friedrichstra?e bewegt. Hinter einem viersp?nnigen Wagen mit der Leiche Georg Wilhelm Friedrich Hegels gehen Hunderte von Studenten. In den H?nden tragen sie mit Trauerflor umwickelte Fackeln. Als sie den schneebedeckten Dorotheenst?dtischen Friedhof vor dem Oranienburger Tor erreichen, stimmen sie einen Choral an.

In der Aula der Universit?t hat der Rektor zuvor das Wirken des Philosophen gewürdigt: Wer wie Hegel "einen neuen Bau des Wissens gegründet hat auf dem unwandelbaren Fels des Geistes, der hat sich eine Unsterblichkeit errungen".

Berlin trauert: um Preu?ens K?nig der Gedanken.

Dessen Weg zum Ruhm beginnt 1801 an der Universit?t Jena. Dort blüht in der Nachfolge Immanuel Kants, h?ufig aber auch in Opposition zum Denken des K?nigsbergers, die Philosophie des deutschen Idealismus - jener Geistesrichtung, die bestrebt ist, die Grundlagen absoluter Erkenntnis und damit das Absolute selbst offen zu legen. Und dort beginnt der 31-j?hrige Hegel, als Privatdozent seine eigene Lehre zu entwickeln.

Hegel versteht Philosophie nicht, wie noch Kant, als reine Kritik des menschlichen Erkenntnisverm?gens, sondern als logische Wissenschaft, welche die gesamte Geschichte des Denkens reflektieren muss. Mit der Schrift "Ph?nomenologie des Geistes" schafft er 1807 die Grundlagen seines umfassenden philosophischen Systems, das die Wirklichkeit begreifbar, das Absolute erkennbar machen soll.

Alles Reale, so Hegel, sei vom "Weltgeist" durchdrungen und auf diesen zurückzuführen.

Der Philosoph bezieht Natur, Religion, Kunst und Geschichte in sein System mit ein, dessen universaler Anspruch die Zeitgenossen beeindruckt und sein Ansehen als Gelehrter wachsen l?sst. 1816 wird er Professor in Heidelberg. Doch schon ein Jahr sp?ter will Berlin ihn haben - das neue Zentrum der Wissenschaft. Dabei ist die im ehemaligen Prinzenpalais Unter den Linden beheimatete Universit?t der Stadt erst acht Jahre alt.

Wilhelm von Humboldt, der sp?tere gro?e Bildungsreformer, hat als h?chster preu?ischer Beamter für das Bildungswesen ab 1809 die Neugründung entscheidend gepr?gt. Er wünscht sich eine Hochschule neuen Typs.

Die preu?ische Lehranstalt gründet auf den Humboldtschen Bildungsidealen: Wissenschaft ist nie abgeschlossen, sondern ein fortw?hrendes Suchen; Forschung und Lehre geh?ren eng zusammen; die Studenten der Fakult?ten Philosophie, Theologie, Medizin und Jura sollen sich umfassend humanistisch bilden.

Ihre inneren Angelegenheiten regelt die Universit?t selbst, der preu?ische Staat finanziert sie und ernennt die Professoren. 1817 entsteht ein Kultusministerium. Und dessen Leiter Karl Freiherr vom Stein zum Altenstein setzt alles daran, Gelehrte mit prestigetr?chtigen Namen nach Berlin zu holen. M?nner wie Georg Wilhelm Friedrich Hegel.

Der neue Professor tritt sein Amt am 22. Oktober 1818 an. Schon lange hat ihn der preu?ische Staat angezogen - nun lobt er ihn gleich in seiner ersten Rede: Mit allen Kr?ften habe die Regierung das Land nach der Niederlage gegen Frankreich wieder aufgebaut.

Preu?en habe sich durch sein geistiges übergewicht "an Macht und Selbstst?ndigkeit solchen Staaten gleichgestellt, welche ihm an ?u?eren Mitteln überlegen gewesen w?ren".

Der Staat ist für Hegel die "Verwirklichung der Freiheit"

Fünf Nachmittage pro Woche steht der Philosoph am Katheder; bleich im Gesicht und wenig redegewandt. "Fast bei jedem Ausdruck kr?chzte er, r?usperte sich, hustete, verbesserte sich st?ndig", berichtet ein Student. Aber Hegels Gedanken ergreifen die H?rer, zumal er seine Vortr?ge mit sarkastischen Bemerkungen würzt. Zunehmend mehr Studenten h?ren seine Vorlesungen zur Philosophie der Geschichte und zur Geschichte der Philosophie, zu Logik oder Metaphysik.

Ende 1820 ver?ffentlicht er ein Buch, das seine Beziehung zu Preu?en weiter vertieft. In den "Grundlinien der Philosophie des Rechts" feiert Hegel den Staat als h?chste Form des menschlichen Zusammenlebens: Dessen Institutionen lie?en die Interessen des Einzelnen in dem h?heren Zweck der Allgemeinheit aufgehen. Der Staat ist für Hegel die "Verwirklichung der Freiheit". Und diese Freiheit, meint der Philosoph, werde am besten durch die konstitutionelle Monarchie gesichert.

Auch wenn er es in den "Grundlinien" nie direkt sagt - Hegels ganze Bewunderung gilt dem preu?ischen Staat. Vielen Vertretern der Macht gef?llt das. Manche Liberale erfüllen die Ausführungen jedoch mit Wut. Denn mittlerweile zeigt der Staat an den Universit?ten seine reaktion?re Seite.

Nach dem Wiener Kongress von 1814/15 haben sich patriotisch gesinnte Studenten in Burschenschaften zusammengetan, um für einen freiheitlichen Nationalstaat zu k?mpfen - eine revolution?re Bedrohung in den Augen vieler Fürsten des Deutschen Bundes.

Schüler Hegels werden verhaftet

Seit der Ermordung des konservativen Dichters August von Kotzebue durch einen Burschenschafter im M?rz 1819 gehen die Herrscher hart gegen die liberalen "Demagogen" vor: Die Burschenschaften werden verboten und scharfe Zensurbestimmungen erlassen. über jede Universit?t wacht nun ein Regierungskommissar.

In Preu?en schl?gt der Staat besonders hart zu. Verd?chtige Studenten kommen ins Gef?ngnis, allzu freiheitlich denkende Professoren müssen die Universit?ten verlassen. Auch Schüler Hegels werden verhaftet. Dies alles, zürnen manche Liberale, rechtfertige der Professor.

Hei?t es doch schon im Vorwort seiner Schrift: "Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig." Ist Hegel also ein Handlanger der Unterdrücker? Die Kritiker übersehen, dass es dem Denker stets um das Preu?en der Reformzeit geht.

Den Ruf des "preu?ischen Staatsphilosophen" wird Hegel jedoch nicht wieder los. Zugleich aber ger?t auch er mit den konservativen Kreisen aneinander: Mehrmals wird ihm unterstellt, seine Religionsphilosophie sei atheistisch. In einem Staat, in dem Thron und Altar eng miteinander verbunden sind, kann so ein Verdacht gef?hrlich werden.

Doch Hegel hat einen einflussreichen Fürsprecher: den Kultusminister Altenstein. Der setzt alles daran, seine Kulturpolitik gegen die konservative Hofpartei zu verteidigen. Er weist nicht nur Klagen gegen Hegel zurück, sondern verschafft ihm Reisezuschüsse und einen Nebenposten bei der staatlichen Schulaufsicht.

Zunehmend zieht der Kopf der deutschen Philosophie nun auch die Berliner Gesellschaft in seinen Bann. Ein Student bemerkt: "Ob irgendein genialer Gedanke in den Wissenschaften in die gelehrte Welt einschlug oder das Fr?ulein Sonntag im Konzert sang, in allen F?llen fragte Berlin: Was denkt Hegel darüber?" Wenn der Meister liest, dr?ngen sich im H?rsaal die Menschen, darunter Offiziere und Geheimr?te.

Der Philosoph pr?gt das preu?ische Geistesleben

Keiner pr?gt das preu?ische Geistesleben in diesen Jahren so stark wie Hegel mit seiner optimistischen Mischung aus Staatsverehrung und Freiheitsliebe. Auch dank ihm gilt Preu?en vielen im Ausland als Wissensmacht. 1829 w?hlen ihn die Kollegen für ein Jahr zum Rektor der Universit?t. Diese hat nun mehr als 2000 Studenten. Weitere Lehranstalten werden nach dem Humboldtschen Modell reformiert oder neu gegründet.

Am 14. November 1831 verliert die Berliner Hochschule ihre Symbolfigur. Georg Wilhelm Friedrich Hegel stirbt nach kurzer Krankheit im Alter von 61 Jahren - die ?rzte diagnostizieren Cholera. 41 Semester hat er gelehrt und fast 90 Vorlesungen gehalten. Fortan lebt sein Denken im "Hegelianismus" seiner Anh?nger fort. "Sein Name wird somit", sagt einer von ihnen an Hegels offenem Grab, "den anderen gefeierten Namen, welche Preu?en berühmt machten, hinzugefügt."

GEO EPOCHE Nr. 23 - 09/06 - Preu?en
GEO EPOCHE Nr. 23
Preu?en
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