Varusschlacht Schienenpanzer in Kalkriese entdeckt: Was der Sensationsfund über das Schicksal eines R?mers verr?t

Am Ort der Varusschlacht zwischen R?mern und Germanen stie?en Arch?ologen zum ersten Mal auf den Schutzpanzer eines Legion?rs. Wie kam der Soldat zu Tode?
Schienenpanzer Kalkriese

Illustration eines Legion?rs mit Schienenpanzer:?Die Schutzwesten wurden unter Kaiser Augustus als Ausrüstung der Armee eingeführt

Die ganz besonderen Funde machen Arch?ologen oft durch Zufall. Wie in Kalkriese, wo im Jahr 9. n. Chr. germanische K?mpfer einer r?mischen Armee aufgelauert und diese fast vollkommen vernichtet hatten.

Gut zwei Jahrtausende sp?ter, im Sommer 2018, hatten die Forscher wieder einmal den Boden ge?ffnet, um nach Spuren der gro?en Schlacht zu suchen, da meldete der Metalldetektor ein starkes Signal aus einer Seitenwand der Grube. Sofort neugierig geworden, gingen die Arch?ologen dem Hinweis nach – und machten einen sensationellen Fund. In anderthalb Meter Tiefe sahen sie ein Gebilde aus verrostetem Metall, dessen Lamellenstruktur sie an einen Schienenpanzer erinnerte: eine Art Rüstung für den Oberk?rper eines r?mischen Legion?rs. ?Wir hatten eine Ahnung, worum es sich handeln k?nnte“, sagt der Arch?ologe Stefan Burmeister, Gesch?ftsführer des Museums und Park Kalkriese. ?Aber wir h?tten niemals zu hoffen gewagt, eine solche Ausrüstung zu finden.“

Computertomograph machte den Schienenpanzer sichtbar

Wie viele andere Funde war auch dieser zu fragil und überdies zu wertvoll, um ihn an Ort und Stelle freizulegen. Die Arch?ologen entschieden daher, ihn im Block zu bergen: Mit Holzbrettern verschalten sie einen Quader mit einer Kantenl?nge von einem Meter, trieben eine Metallplatte darunter und hoben das Ganze vorsichtig aus dem Boden.

Doch was genau verbarg sich darin? Mit einem besonders leistungsf?higen Computertomographen machten Spezialisten des Fraunhofer-Entwicklungszentrums R?ntgentechnik in Fürth des Fraunhofer-Instituts für Integrierte Schaltungen das Innere des Blocks sichtbar – und erkannten tats?chlich den erhofften Schienenpanzer. Daneben befand sich eine r?mische Halsgeige, mit der die R?mer ihre Gefangenen fesselten. Hatten hier germanische Krieger einen Feind mit seiner eigenen Ausstattung fixiert? Was war mit ihm geschehen?

Die Arch?ologen hatten keinen Zweifel mehr: Dies war ein Jahrhundertfund – eine Sensation wie die berühmte Maske eines r?mischen Soldaten, die l?ngst zum Signet der Varusschlacht geworden ist.


Datenerfassung und Rekonstruktion: Fraunhofer EZRT, XXL-Computertomographie /?Visualisierung: Fraunhofer MEVIS, Bremen, Physically Based Volume Rendering

Der Schienenpanzer führt zurück in die Zeit, als die R?mer unter ihrem Kaiser Augustus (31. v. Chr. bis 14 n. Chr.) versuchten, auch Germanien zu ihrer Provinz zu machen. So nannten sie die Region n?rdlich der Donau und ?stlich des Rheins. Sie führten Feldzüge in den Norden bis an die Elbe, verlagerten Legionen und Hilfstruppen an den Rhein und begannen, mitten im germanischen Gebiet erste zivile Siedlungen anzulegen.

Die R?mer rekrutierten auch Germanen für ihre Truppen. Einige dieser S?ldner standen sogar Hilfstruppen vor und hatten das Vertrauen der h?heren R?nge. Das wurde den R?mern zum Verh?ngnis.

Als drei Legionen der Rheinarmee im Herbst des Jahres 9. n. Chr. auf dem Rückweg ins Winterlager waren, lockten Germanen unter Arminius, einem Fürsten vom Stamm der Cherusker, sie in einen Hinterhalt. Der Kommandeur einer Hilfstruppe kannte die Schw?chen der r?mischen Armee und wusste genau, dass diese den germanischen Guerillak?mpfern in unwegsamem Gel?nde, im Kampf von Mann gegen Mann unterlegen sein würde. Drei bis vier Tage setzten sich die r?mischen Truppen gegen zahlenm??ig wohl deutlich unterlegene Gegner zur Wehr; am Ende wurden sie fast vollst?ndig aufgerieben. Die Niederlage führte dazu, dass die R?mer sich letztlich hinter den Rhein und die Donau zurückzogen.

Neue Milit?rtechnik unter Kaiser Augustus

Zahllose Funde zeugen von der Varusschlacht in Kalkriese am Teutoburger Wald. Aber eine Entdeckung wie die eiserne Schutzweste war die Arch?ologen hier noch nicht gelungen. ?Ein r?mischer Schienenpanzer ist überhaupt noch nie als Ganzes gefunden worden“, sagt Stefan Burmeister.

Die Schutzwesten wurden unter Kaiser Augustus als Ausrüstung der Armee eingeführt: eine neue Milit?rtechnik. Sie bestanden aus zahlreichen miteinander verbundenen Lamellen, waren nicht so schwer wie Kettenpanzer, schneller herzustellen und leichter zu reparieren. Zudem boten sie in manchen Kampfsituationen einen besseren Schutz, etwa vor Lanzenstichen. Sie bestanden aus zwei Einheiten, die vorn und am Rücken mit Lederriemen und Schnallen aus Messing verbunden wurden. Mit welchem Aufwand sie herstellt waren, k?nnen die Arch?ologen anhand des neuen Funds aus Kalkriese nun erforschen.

Die CT-Aufnahme des Schienenpanzers zeigte, dass er bis auf wenige Lamellen zwar vollst?ndig, nach zwei Jahrtausenden jedoch vollkommen durchgerostet war. Nur die Messingschnallen und Teile der Riemen hatten die sauren Bedingungen im Boden überdauert. ?Das war alles kaum mehr als ein Rostklumpen“, sagt der Arch?ologe Burmeister.

Finanziert von der Stiftung Niedersachsen, wurde am Museum in Kalkriese die Restauratorin Rebekka Kuiter eingestellt, die den Fund weiterhin freilegt. Dabei orientiert sie sich an der dreidimensionalen Darstellung, wie sie im Computertomographen entstand. Zudem festigt Kuiter die ausgesprochen fragilen Elemente mit Acrylharz und setzt sie wieder zu den Lamellen zusammen, wie sie einst bestanden: ein mühevoller Prozess, der sich über viele weitere Monate erstrecken, Geduld und Ausdauer erfordern wird.

"Offenbar die Varusschlacht überlebt und erst danach sein Leben verloren"

Im Gefolge der r?mischen Legionen waren immer auch Sklavenh?ndler unterwegs, die den Soldaten ihre Gefangenen abkauften. Die waren in der Regel mit sogenannten Halsgeigen gefesselt: einem um den Hals gelegten Ring mit einem in eine Richtung weisenden Stab, an dem die H?nde befestigt waren. Eine solche Fessel lag direkt oberhalb des Panzers. K?nnte es sein, dass die siegreichen Germanen einen R?mer mit dessen eigener Ausrüstung fixierten und ihn dann ermordeten? Warum belie?en sie ihm aber seine wertvolle Ausrüstung, die üblicherweise geplündert und oft auch geopfert wurde, wie Funde in germanischen Opfermooren zeigen?

Wurde der R?mer wom?glich rituell get?tet? Weitere Analysen sollen zeigen, ob in dem Schienenpanzer ein K?rper verwest ist.

über das m?gliche Ritual k?nnen die Arch?ologen nur spekulieren. Für Stefan Burmeister hat dieser Fund aber schon jetzt eine Bedeutung, die über den Schienenpanzer als Artefakt hinausgeht. ?Hier haben wir zum ersten Mal in Kalkriese das Los eines Menschen vor Augen. Er hat offenbar die Varusschlacht überlebt und erst danach sein Leben verloren. Vielleicht k?nnen wir seine tragische Geschichte irgendwann erz?hlen – ein Schicksal, das uns das individuelle Leid des Kriegs eindrücklich vor Augen führt.“

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