Antike Pergamon: Eine Stadt, ein Wellnesstempel und ein Arzt als Vision?r

Pergamon ist für Jahrhunderte ein Zentrum der Heilkunst und wird auch als antike Sportst?tte bekannt. Unter den Gladiatoren gibt es besonders einen Star, den Arzt Galen
Pergamon

Der Pergamonaltar, Prachtbau der antiken Metropole, wurde im 2. Jh. v. Chr. errichtet – und ziert heute die Berliner Museumslandschaft

Vor etwa 2200 Jahren. Pergamon – eine Metropole der Antike, die im 2. Jahrhundert v. Chr. in voller Blüte steht. Die Bürgerschaft besteht aus 40 000 freien M?nnern. Frauen und Sklaven hinzugerechnet, leben rund 150 000 Einwohner in ihr. Pergamon liegt abseits der gro?en Verkehrswege. Dennoch str?men die Menschen in diese Stadt im Westen der heutigen Türkei. Sie wallfahren als Pilger zu ihren prunkenden Tempeln; sie kommen zu den Festen und Kampfspielen, zum Studium, zum Kunstgenuss. Und zur Kur.

Pergamons gr??te Attraktion ist eine Quelle, die am Fu? einer alten Platane entspringt, im Hof eines Tempelbezirks, der dem Gott der Heilkunst, Asklepios, geweiht ist (lateinisch: Aesculapius). Eine Tochter des Asklepios hei?t Hygieia, das Wort Hygiene leitet sich von dem dazugeh?rigen Adjektiv ab: ?der Gesundheit dienlich“. Asklepios wirkt laut Mythologie derart erfolgreich, dass Hades, der Gott der Unterwelt, fürchtet, nun würde bald kein Mensch mehr sterben. Zeus selbst zieht Asklepios daraufhin aus dem Verkehr – er schleudert einen Blitz.

Asklepios - das wundersame Wasser

Jahr für Jahr zieht die Quelle beim Asklepiostempel Tausende an. Ihr Wasser ist klar und wohlschmeckend. Vor allem aber: Es soll Wunder wirken. Dicht an dicht dr?ngen sich Kranke um das Marmorbassin. Schon der Anblick des heiligen Wassers verhei?t Linderung. Blinde, die davon trinken oder in ihm baden, erlangen ihr Augenlicht wieder, Lahme gehen, Stumme sprechen – so überliefern es die?antiken Quellen. Sie berichten freilich auch von folter?hnlichen Lehmpackungen und K?ltekuren, von Aderlass und von künstlich herbeigeführtem Erbrechen, aber auch von Schlaf- und Traumtherapien in eigens dafür errichteten Bauten.

Offenkundig gibt es neben dem wundergl?ubigen Massenbetrieb in Pergamon auch ein elit?res Sanatorium, in dem methodisch vorgehende ?rzte praktizieren. Religi?s aufgeladen indes ist die Behandlung in jedem Fall. Die Menschen unterscheiden noch nicht strikt zwischen dem Natürlichen und dem übernatürlichen. Das Jenseitige wohnt auch in der Welt und allen Dingen – wie andersherum gro?en Heroen immer etwas G?ttliches zugeschrieben wird.

Auch die wohlhabenden Patienten weihen dem Gott Asklepios Kultgegenst?nde und dankbare Inschriften, lassen rituelle Chorges?nge aufführen, stiften Geb?ude. Die ?rmeren Besucher kaufen in einer der Devotionalienbuden t?nerne Abbilder ihrer erkrankten Glieder und Organe, um sie dem Gott darzubringen. Durch das Asklepios-Bad wird Pergamon nicht nur berühmt, sondern auch reich.

Pergamon - Geburtsort des wichtigsten Arztes der Antike

Doch noch etwas anderes macht diese Stadt so bedeutsam für die Geschichte der Medizin. In ihren Mauern wird um 130 n. Chr. der nach Hippokrates bedeutendste Arzt der Antike geboren – Galenos von Pergamon, deutsch: Galen. Er folgt den hippokratischen Lehren, bereichert sie aber um physiologische Erkenntnisse. Diese beruhen auf seinem profunden anatomischen Wissen, gewonnen wohl vor allem w?hrend seines Studiums in Alexandria, zu jener Zeit Zentrum der Heilkunst.

Er erg?nzt die diagnostischen Methoden, beschreibt die Stadien von Entzündungen, forscht ?über Mischung und Wirkung einfacher Heilmittel“ und wird so zum Begründer der systematischen Pharmakologie. Er ver?ffentlicht Hunderte von Schriften, bis in die Neuzeit wichtige Quellen medizinischen Wissens. Wobei er keineswegs immer richtig liegt: Seine Behauptung, die weiblichen Sexualorgane seien kümmerliche Ebenbilder der m?nnlichen, ist ebenso absurd wie z?hlebig.

In Pergamon praktiziert Galen vorübergehend als Sportarzt. Denn die Stadt ist nicht nur ein Heilbad, sondern auch eine Wettkampfst?tte. Eine Stra?e, gepflastert und mit einem Gew?lbe auf S?ulen überdacht, führt die G?ste wie eine Wandelhalle vom Kurtempel stadteinw?rts zu Stadion und Amphitheater. Dort gibt es Gladiatorenk?mpfe und Tierhetzen, r?mische Neuerungen, die in das hellenische Pergamon gekommen sind.

Galen wird zum Sportarzt der Gladiatoren

Auch die athletischen Wettk?mpfe im Stadion sind eine robuste Veranstaltung. Ihre rasanteste Disziplin: das Wagenrennen. Leichte Gespanne, gezogen von zwei, vier oder sieben Pferden, jagen über die lang gezogene Bahn des Stadions. Staub wirbelt auf, der L?rm der Hufe mischt sich mit dem frenetischen Schreien der Zuschauer. Die Fahrer schneiden, blockieren und touchieren einander. Unf?lle, die Pferde und Lenker Gesundheit oder Leben kosten, geh?ren zum Spektakel. ?hnlich brutal geht es beim Ringen zu, vor allem aber beim pankration, dem Allkampf: Jeder Schlag, Tritt oder Griff ist erlaubt bis auf ?Bei?en und Bohren“ – Letzteres meint wohl, dem Gegner Augen oder andere Weichteile einzudrücken. Handschuhe und Kopfschutz sind unbekannt. Unter dem Johlen der Zuschauer w?lzen sich einge?lte K?mpfer im Sand, zertrümmern dem Gegner Nase und Gebiss, spucken Blut, brechen Gliedma?en.

Fair Play ist kein antikes Konzept; es geht darum, um jeden Preis zu siegen. Und um Entertainment. Amateure haben bei den Wettk?mpfen nichts verloren. Es sind Profis, die zu Stars werden und Pr?mien aufh?ufen. Gerade in Pergamon haben gro?e, internationale Spiele eine lange Tradition. Galen wird hier zum Sport- und Wundarzt für Gladiatoren. W?hrend der Olympischen Spiele betreut er die Athleten – und studiert ihre Verletzungen. Zwischenzeitlich ist er in Rom t?tig, als Arzt der Aristokratie; dann kehrt er wieder zurück nach Pergamon. Sp?ter, wiederum in Rom, behandelt er sogar Kaiser.

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